Frankreich

Frankreich

Der kulturelle Umweg 

Älterenfahrt an Ostern 2018

Das Gute an Umwegen ist ja, dass man trotzdem ans Ziel kommt. Das Schlechte an ihnen, das Um-, bedeutet, dass man länger unterwegs ist. Man hat sich geirrt, verlaufen, muss umkehren. Als Wandervogel nimmt man aber ja sowieso den Um-weg. Denn obwohl es „Fahrt“ heißt, bedeutet es eigentlich „zu Fuß“. Der ultimative Umweg, könnte man meinen; langsamer geht’s nicht. 
Während unserer Fahrt durch Frankreich verließen wir den direkten Weg für so ziemlich jeden Wegweiser, der „Kultur“, „Aussicht“ oder „Ruine“ ankündigte. Letztere versprachen meist eine gute Möglichkeit zum Übernachten. 
Doch Umwege erhöhen nicht nur die Ortskenntnis. Auf einer Älterenfahrt zu dritt ging es für mich vor allem ums Kennenlernen. Die Vogesen meine Begleiterinnen, deren Fahrtenstil. 

Die gemeinsame Autofahrt war lustig, das Wetter bei Ankunft gut. Die Ruine, die wir als ersten Schlafplatz ins Auge gefasst hatten, war von dem kleinen Ort, von dem aus wir aufbrachen, nicht sehr weit entfernt. Endlich los! Doch die erwartete Waldeinsamkeit wollte sich nicht direkt einstellen. Die Ruine Fleckenstein stellte sich als Besuchermagnet mit Ritterprogramm heraus. Schön –  aber nichts für uns.
Doch da in den Vogesen auf beinahe jedem Hügel auch eine Ruine steht, hatten wir keine Probleme, einen anderen Schlafplatz zu finden. Nachdem wir das Hinweisschild „Feu interdit“ auf der Froensburg nach bestem Wissen und Gewissen mit „Föhnen verboten“ übersetzt hatten, stand einem gemütlichen Nachtquartier nichts mehr im Weg. Auf einen anstrengenden Aufstieg folgte ein herrlicher Ausblick über die umgebenden Wälder, flackernde Schatten am Ruinenrand, ein leckeres Abendessen. 
Auf einer alten Burg zu übernachten ist anheimelnd und romantisch, auch ein wenig melancholisch, ein bisschen so, als würde man sich in einer ehemaligen Wohnung aufhalten, an die man wehmütig zurückdenkt. Doch man ist nur zu Besuch. Man stellt sich vor, welches Leben dort oben auf der Burg stattgefunden haben muss, und wie es wohl wäre, dabei gewesen zu sein – während durch die Mauerreste der kalte Wind pfeift und rings um einen der Wald rauscht.
Viele unserer Lieder unterstreichen diese Stimmung. Und mit meinen beiden Begleiterinnen zu singen, das war wunderbar. Leicht und anspruchsvoll, wunderschön, so dass sich alles zusammenfügte, der Wald und unsere Stimmen, das Land um uns herum, das Alte, das noch ganz Frische – Kälte im Rücken, Wärme im Gesicht, Feuerglanz in den Augen. Fahrtenglück.

Und so verbrachten wir einige Tage so froh und frei – am Tag mächtig steil rauf mit schweren Rucksäcken, am Abend kochen, essen und singen – als das Wetter schlechter wurde. Und damit änderte sich auch unsere Routine. 
Ich komme zu diesem einen Abend, an dem wir nach langem Marsch die angesteuerte Schutzhütte nicht fanden. Und es regnete. Und der Anstieg so steil war. Und die Rucksäcke und der Wassersack so schwer. Und kein Ende in Sicht. Als wir dann irgendwann nicht mehr weiterlaufen wollten, entschlossen wir uns zur Übernachtung, dort, wo wir eben waren; mitten auf einem alten Waldweg. 
Was uns an den Tagen zuvor leicht von der Hand gegangen war, war nun schwierig: der Poncho wollte kein Zelt ergeben, der kleine Unterstand wollte sich nicht spannen lassen, das nasse Holz wollte nicht brennen. Es war ungemütlich, die Stimmung gedrückt. Klamm und frierend saßen wir im Rauch, dicht gedrängt schliefen wir zu dritt im Ponchozelt. 

Doch sobald es am nächsten Morgen wieder hell wurde und wir wieder auf den Beinen waren, fanden wir wieder zu unserer alten Form zurück – noch dazu liefen wir nun beständig bergab. Und schon bald waren wir bereit für neue Umwege: „Celtic Camp“ stand auf dem Wegweiser. Klang interessant. Kultur. Also hin.
Auf den ersten Blick waren es nur ein paar bemooste Steine von unspektakulärer Größe. Auf den zweiten Blick gab es noch nicht einmal eine Tafel, auf der irgendetwas erklärt worden wäre. Und doch blieb mir die Episode Celtic Camp so sehr in Erinnerung; das Gespräch, das wir auf dem Weg dorthin führten, das Foto, das wir dort aufnahmen, dass wir danach den falschen Weg einschlugen und umkehren mussten. Im Rückblick hat der Umweg übers Celtic Camp das Motiv für diesen Fahrtenbericht geliefert.

Der Umweg hat sich gelohnt. 

Ohne Laufen, Schleppen, sich Druchringen, kein Erleben. Ohne Regen im Nacken und Blasen an den Füßen nicht die Gewissheit, dass wir, auch wenn es anstrengend wird, zusammensein können. Wir wissen, wer von uns am schwersten tragen und wer am besten ein Ponchozelt aufstellen kann – vermutlich konnte ich auch irgendetwas am besten. Dass wir zu dritt toll singen können. Wir haben draußen im Wald gelebt, in den Sternenhimmel geschaut, den Feuerschein auf den Gesichtern der anderen gesehen.

Frei nach Erich Kästner kann man es so beschreiben: 
Indes sie schleppten, liefen, schlemmten, schliefen, erkundeten und sich besprachen, entstand von selbst die köstlichste Erfindung: der Umweg als die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten.

Das Ziel einer Fahrt ist eben kein Ort.